Reise nach Giarmata, Rumänien.

Schutzhof von Animal Hope & Liberty e.V.

Juni 2018

 

Sintflutartiger Regen trommelt auf das kleine Flugzeug der Lufthansa nieder. Über München kracht es gewaltig und die Maschine bleibt vorerst am Boden, denn in Ungarn, das auf der Flugroute nach Rumänien liegt, toben noch gewaltigere Unwetter. Ich bin unterwegs nach Giarmata, ein kleines Dorf in der Nähe von Timisoara, um den Schutzhof vom Animal Hope & Liberty e. V. kennenzulernen. Seit einiger Zeit unterstütze ich den Tierschutzverein, dessen Posts mir mit ihrem Verzicht auf überbetont emotionale Beschreibungen aufgefallen waren. Das Elend der Tiere dieses Landes in so knappe Worte zu fassen, bedarf vermutlich einer Kunst. Ich, die es aus der Ferne am Bildschirm verfolgt, möchte es nun mit eigenen Augen sehen und mithelfen.

Mein Blick schweift über die überflutete Startbahn. War es richtig, meinem spontanen Impuls für diese Reise zu folgen? Einen Moment kommen Zweifel auf. Ich lebe mit Hunden und bin Tierschutzhundehalterin aus Überzeugung. Aber was Feldarbeit betrifft, bin ich Laiin. Den letzten und einzigen Hund, den ich je „rettete“ – er hatte sich in einem Einkaufszentrum verlaufen – war ein sehr freundlicher Bernhardiner, der sich von mir bereitwillig zur Polizei lotsen ließ. Ich war sechzehn Jahre alt. Danach Wildvögel, Nager und Katzen. In Südostasien beschränkt sich mein Helfen auf Voluntariate in Wildtier-Schutzprojekten und das Füttern und Tränken von Straßentieren, die meine Reiseroute kreuzen. Was wird mich wohl in Rumänien, dem Land, dem in ganz Europa sein Ruf für Tierleid vorauseilt, erwarten?

Eigentlich bin ich urlaubsreif. Doch der Wunsch, etwas Sinnvolles neben meiner Arbeit zu tun und meine Sehnsucht nach Unbequemlichkeit sind größer, als die Aussicht auf eine geruhsame Auszeit. Inzwischen ist das in aller Stille am Schreibtisch gewachsene zweite Buch beinahe fertig. Ich brauche Abstand vom geistigen Ringen um Worte, von der Suche nach trefflichen Formulierungen und gelungenen Spannungsbögen, die es meinen Lesern ermöglichen, dem, was ich ausdrücken will, zu folgen. Jetzt brauche ich Action, muss endlich raus aus der Stille und hinaus in die Welt.

Bereits die Möglichkeit zu haben, mich für das Eine, Mitarbeit im Tierschutz oder das Andere, Faulenzen an einem selbstgewählten Ort, zu entscheiden, macht deutlich, wie gut es mir geht. Zu gut, denke ich immer wieder, wenn ich beobachte, wie meine Landsleute und Obdachlose in Mülleimern nach Pfandflaschen stöbern, in den Nachrichten mitansehe, wie Menschen im Mittelmeer um ihr Leben strampeln, Tiere für meine Unterhaltung und Nahrung unnötig gequält werden, während ihre massenhafte Existenz die gesamte Umwelt zerstört. Vor Menschen, die versuchen, dieses Leid zu lindern, habe ich Hochachtung.

„Wenn du Hunde aus dem Tierschutz adoptierst und spendest, hilfst du doch auch! Warum musst du auch noch rumänische Straßenhunde retten?“, sagten viele Freunde im Vorfeld dieser Reise. Weil ich inzwischen Zuhause tiefer in Tierleid eingetaucht bin, als ich mir noch vor wenigen Jahren vorstellen konnte. Klein-Emma, die Kopfkaputte, wie sie eine Freundin nennt, lebt noch immer. Seit fünfeinhalb Jahren lerne ich im Zusammenleben mit dem aus dem illegalen Welpenhandel geretteten Bully zahlreiche Erbkrankheiten und Verhaltensauffälligkeiten von Hunden kennen. Nach acht Vollnarkosen kann mich so schnell nichts mehr schocken. Und elf Tierärzte, fünf Hundetrainer plus eine Verhaltenstherapeutin später, fühle ich mich ausreichend gewappnet dafür, notleidenden Tieren auch vor Ort zu helfen. Ja, ich möchte mit anpacken auf dem Hof und wenn mich das überfordern wird, dann werde ich es wissen, nicht nur befürchten. Kaum ist dieser Gedanke gesponnen, setzt die Maschine in Timisoara zur Landung an.

Nancy, die Hofchefin und Frontfrau, hat mir gesmst, dass sie mich auf dem Parkplatz des Flughafens erwartet. Ich bin erleichtert. Ihr Wagen ist ein alter Kleinbus und immer wieder kaputt. In den letzten Tagen vor meiner Abreise drohte er endgültig liegen zu bleiben. Heute hat er es dem tosenden Starkregen zum Trotz doch noch zum Flugplatz geschafft. Der Wagen ist durch meine regennasse Brille kaum auszumachen, beinahe übersehe ich ihn, dann endlich habe ich ihn entdeckt. Beim Einsteigen wallt mir eine geballte Ladung Tier entgegen. Für einen Moment katapultiert mich der Geruch von Fäkalien, Futter, feuchtem Hund und tierischer Angst nach Borneo zurück, wo ich vor einigen Jahren ein Voluntariat in einem Rehabilitationszentrum für Orang Utans machte. In einer Berliner Reisebuchhandlung habe ich erst letzte Woche einen Vortrag über meine Zeit dort gehalten. Der Wagen riecht wie das Matang Wildlife Center. Meine feine Nase revoltiert, das Hirn möchte einige Sekunden lang Übelkeit signalisieren, doch dank der geöffneten Fensterscheiben darf ich mich langsam gewöhnen.

Nancy lebt hier in Rumänien. Als die Versorgung die Tiere, die sich in Obhut des Vereins befanden, kippelte und sogar Futterspenden auf mysteriöse Art verschwanden, wanderte sie kurzer Hand aus. Die Aktivistinnen waren nicht ununterbrochen vor Ort und mussten handeln – entweder ganz aufhören oder vollkommen neu beginnen, mit ständiger Präsenz, damit die Hilfe tatsächlich bei den Tieren ankommt. Nancy warf Zuhause alles hin: Den gut bezahlten Job, ihre Sozialkontakte, ihr vertrautes Leben, wie ihre überflüssigen Pfunde – ohne auch nur Rumänisch zu sprechen. Inzwischen lebt sie seit zwei Jahren in Timisoara, hat dreißig Kilo Leibesfülle gelassen und spricht die Sprache, wenn auch deutlich akzentuierter und mit weniger Speed als ihre Muttersprache Deutsch. Als Langsame und jetzt noch dazu sehr Aufgeregte, rase ich ihren hastigen Sätzen hinterher. Bei jedem zweiten muss ich nachfragen und hoffe, ihr mit meinen Bitten um Wiederholung nicht auf die Nerven zu gehen.

Nancy begegnet mir, wie ich vermutet habe. Sie ist eine burschikose Frau mit großer Hingabe für Tiere. „Manchmal bin ich auch richtig vulgär – nicht, dass du dich wunderst, ok?“, sagt sie mir nun und schielt mit einem Auge auf ihr Handy. Pausenlos gehen piepende Nachrichten auf ihrem Smartphone ein. Ich ahne, dass sie wenig begeistert ist, eine wildfremde Frau für eine Woche auf dem Hof zu haben. Nancy ist sieben Tage die Woche für die Tiere im Einsatz – von morgens bis zum Schlafengehen und das ist spät. Notfälle kennen kein Wochenende, warten nicht, bis Montag ist. Eine Fremde, die alles angucken will, vermutlich 1000 Fragen hat und im schlechtesten Fall auch noch 1001 Verbesserungsvorschläge aus ihrer Vogelperspektive heraus macht, ist sicher schwer zu ertragen. Nancy kann nicht wissen, dass ich anderes im Sinn habe, als wie ein besserwissender Zaungast Fotos zu schießen. Und meine Scheu, mich dreckig zu machen, ist auch denkbar gering.

Der rumänische Tiefdruck nimmt mein Hirn in die Zange, schon klopft der Kopfschmerz an. Ich versuche ihn zu ignorieren, wie den Geruch im Wagen. Für die nächsten Tage sind weiterhin schwülwarme Hitze mit 36 Grad und schwere Unwetter vorhergesagt. Das Auto gibt besorgniserregende Geräusche von sich und ich vermute, neben vielen Ersatzteilen fehlt ihm gemäßigtes Wetter. Wir fahren durch Starkregen, den ich mir für Berlin seit Monaten wünsche. Zuhause herrscht Dürre. Dehydrierte Wildvögel klatschen inzwischen an die Fensterscheiben, Deutschlands Norden und Osten verdorren, die halbe Ernte ist bereits vertrocknet. Doch hier in Rumänien regiert der Regen. Als wir versuchen, unbeschadet die schlaglochdurchsetzte und im Schlamm versinkende Buckelpiste zum Hof zu nehmen, geht mir auf, was Nancy meinte, als sie sagte, ich würde es nie und nimmer allein mit Bus oder Taxi bis zum Schutzhof schaffen.

Auch der Hof schwimmt, beim Aussteigen tauche ich bereits in Pfützen ein. Mit aufbrausendem Gebell begrüßen uns die Hunde hinter dem großen Eisentor. Von einem Zwinger zum nächsten setzt sich die Kunde von auftauchenden Menschen fort. Dem Regen zum Trotz rasen die Tiere an die Gitter – teils in großer Freude, teils aus echter Empörung. Hinter einer weiteren Pforte linker Hand werden wir ungeduldig vom kleinen Hofrudel erwartet. Ein stattlicher sich laut echauffierender Schäferhund versucht sich humpelnd vorzudrängeln. Er will mir mitteilen, was er von meiner Ankunft hält, doch Nancy schiebt ihn resolut zurück, dann sind wir drin. Nach kurzer Riechprobe befindet mich Mosu für harmlos und wendet sich Nancy zu, die den Schäferhundrüden kurz begrüßt. Die kleineren Hunde lassen sich nicht so schnell abspeisen, springen aufgeregt an ihr hoch, bis wir den Wohncontainer, die Schaltzentrale des Schutzhofes, erreicht haben.

Ein Raum mit kleinem Fenster zu den Welpengehegen, die meinem Blick durch die undurchdringlichen Regenschleier offenbar entgangen sind. Ein Tisch, drei Stühle, ein in der Ecke kauerndes, mit Staub bepudertes Regal, beladen mit zahllosen Medikamentenschachteln. Rechts ein großer Kühlschrank neben der Spüle, in der ein Berg Geschirr geduldig auf seinen Abwasch wartet, links das obligatorische, abgerissene Hundesofa, wo sich inzwischen drei Hunde um die besten Plätze balgen. Der gleiche Geruch wie im Auto, plus zahllose Fliegen. All das registriere ich in wenigen Sekunden. Nancy folgt meinem Blick. Bisher habe ich solche Fliegenansammlungen nur in den Tropen gesehen. Im Sommer sind sie hier auf dem rumänischen Land allgegenwärtig und eine Plage. Würde sie nicht Insektengift gesprüht haben, so Nancy, wären es noch hundert Mal so viele. Die Fliegen schwirren durch die Luft, hocken auf allen Wänden, Möbeln und natürlich auf dem Trockenfutter der Hunde. Im Trinknapf sind bereits etliche ersoffen, einige strampeln noch um ihr Leben. Auch mich nehmen die Insekten sofort in Beschlag. Wenn ich sie mir auch in diesem Moment herbeiwünsche, die Fliegenklatsche wäre ein völlig lächerlicher Versuch, diese Insektenflut zu vertreiben.

Beide Hände strecke ich aus, damit das Hofrudel mich kennenlernen kann. Die unerschrockene Minou drängt sich vor und bekommt als erste ihre Streicheleinheiten, bis Frida, das Moppelchen, ihre Leibesfülle einsetzt, um zum Zug zu kommen. Dann eine kleine Shih Tzu-Hündin mit charmantem Überbiss im Unterkiefer. Wie ich höre, ist Ella die wirkliche Chefin des Hofrudels. Es steht in ihrem entschlossenen Gesicht geschrieben. Schließlich sitzt Lizzy, ein Chihuahua-Mix auf meinem Schoß. Bonita will keinen Körperkontakt und nimmt aus sicherer Distanz meine Witterung auf, Gismo, ein zimtfarbener und extrem ängstlicher Rüde, steckt kurz seinen nassen Kopf herein und verschwindet bei meinem Anblick sofort wieder. Nachdem Nancy Mosu in die gegenüberliegende Hofküche eskortiert und dort gesichert hat, darf auch Opa Pip aus dem kleinen Nachbarraum zu uns kommen. Der tattrige Rüde ist unkastriert und bringt Mosu auf dumme Ideen. Pip ist geschätzte vierzehn bis siebzehn Jahre alt und wurde erst kürzlich aus einem Shelter auf den Hof geholt. Er ist blind, taub und vermutlich bereits senil – er hätte dort niemals überlebt. Hier auf dem Hof erholt er sich.

Am heutigen Sonntag und ist der einzige freie Tag von Maricica. Sie ist die gute Seele des Hofes und Mitarbeiterin von nebenan. Schon ihr ganzes Leben lebt die Rumänin in Giarmata und füttert die Hunde morgens und abends, mistet die Zwinger aus. Heute werden Nancy und ich diese Arbeit übernehmen. Rasch eilt Nancy durch die Fluten über den kleinen Innenhof zu den ehemaligen Viehställen, ich bin ihr mit regenblinder Brille dicht auf den Fersen. Die Hunde stimmen lautstark an, hören uns trotz des lauten Prasselns. Im Stall sind einige Tiere in Quarantäne untergebracht, die krank sind oder gerade Welpen bekommen haben. Rechts befinden sich Zwinger mit Außenzugang. Links kommen vor Wind, Temperatur und Regen geschützt, verletzte und neu aufgenommene Tiere unter. Bei unserem Eintritt schwillt der Stakkato der Hunde weiter an, verstärkt sich unter der niedrigen Decke zu unerträglicher Lautstärke. In der vor Feuchtigkeit stehenden Luft sausen noch mehr Fliegen umher.

Ganz vorn am Eingang bebellt von Jaulen durchsetzt eine klapperdürre Hündin unser Eintreten. Ich spüre, wie sich bei ihrem Anblick mein Herz zusammenzieht. Scharf zeichnen sich unter ihrem Fell alle Rippen und die Hüftknochen ab. Ihr Gesicht ist vollkommen eingefallen und ihre Augen scheinen übergroß aus dem Kopf zu treten. Schon sehr sehr lange muss Hope gehungert haben, bis sie in die Obhut des Schutzhofs kam. Vorsichtig und mit gesenktem Kopf erhebt sich die Hündin nun aus ihrem Korb und macht das ganze Ausmaß ihrer Unterernährung sichtbar. Unter dem mageren Körper kommen klitzekleine Welpen zum Vorschein. Obwohl sie vollkommen ausgezehrt ist, säugt sie ihre Jungen. Als Nancy die Hündin vor wenigen Tagen auf den Hof holte, schnappte sie verunsichert nach allem und jedem. Inzwischen hat Hope sich entspannt und lässt Berührungen nicht nur zu, sondern fordert diese geradezu ein. Jetzt drängt sie an Nancys Bein und schmiegt sich vertrauensvoll an sie. Einen kurzen Moment werde ich mit angelegten Ohren argwöhnisch beschnuppert, dann fordert Hope auch von mir Körperkontakt. Wir wischen ihren Zwinger sauber und wechseln vorsichtig die Decken im Korb. Der Anblick der Kleinen ist unglaublich rührend. Sie schlafen, liegen teilweise auf dem Rücken, ab und an fiept einer im Traum. Hope beobachtet genau, was wir tun und ihr Jaulen wird augenblicklich lauter, als Nancy das hochkalorische Futter in ihren Napf füllt. Die Hündin stürzt sich darauf und inhaliert es in wenigen Sekunden. Nancy beobachtet ihre Gier, wissend, dass die Hündin dringend alle Nahrung für sich selbst braucht und seufzt. „Sie kann nicht zunehmen, so lange sie die Welpen säugt. In den nächsten Tagen versuche ich sie zu entwöhnen und werde den Kleinen Futter anbieten.“

Dann winselt es von links. Ein kleiner wuscheliger Pekinesen-Mix wedelt mich auffordernd an. Er möchte berührt werden und schleckt freundlich meine durchs Gitter greifende Hand. Balou wird im Juli ausreisen, erfahre ich und bin erleichtert. Es ist augenscheinlich, dass der Hund ein Zuhause hatte und hier unter dem Alleinsein leidet. Er will mich nicht gehenlassen jault laut und jämmerlich auf, als ich mich von ihm abwende. Ich fühle mich wie eine Verräterin, als würde ich ihn im Stich lassen. Wie schafft Nancy es, Tag für Tag, Stunde um Stunde an all diesen verzweifelt kontaktsuchenden Hunden vorbeizukommen? Ich muss mich zwingen, weiter zu gehen und folge ihr.

Die nächste Begegnung wird leichter. Im Zwinger sitzt eine scheinbar unbekümmerte und vor Kraft strotzende junge Hündin. Es ist Willow, die Kletterspezialistin. Sie ist mittelgroß und verträglich, hätte folglich in einem der großen Außenzwinger leben können. Doch auf wundersame Weise hatte die sportliche Hündin es dort wiederholt geschafft, die mehrere Meter hohen Gitter zu erklimmen und ist sogar über das Stalldach gekrabbelt. Ihr Körper ist muskulös wie der eines American Bulldogs, ihr Fell schwarz gestromt. Kluge, herrlich cognacbraune Augen schauen mich auffordernd an. Willow läuft nicht weg. Sie geht vielmehr auf Erkundungstour und steigt gerne hoch hinaus. Das gefällt weder dem Hofrudel noch ihren Artgenossen in den anderen Zwingern. Auch ist derartige Akrobatik für ihren schweren Körper nicht zuträglich. Mit den kunstvollen Sprüngen zurück auf den Boden riskiert sie schwere Verletzungen, deshalb der Stubenarrest im Quarantäne-Stall. Nancy öffnet ihren Zwinger und tatsächlich: Willow bleibt während wir saubermachen freudig erregt bei uns. Auffordernd stuppst die Hündin mich an und schaufelt mit ihrem kräftig wedelnden Schwanz die feuchtwarme Luft hin und her. In England hat Willow eine Pflegestelle gefunden. Noch ist nicht klar, wann genau sie ausreisen kann, doch Nancy hofft, bald.

Vielleicht brauchte es die ausgelassene Leichtigkeit Willows, um mich für den nächsten Hund zu präparieren: Es ist jener Schwerverletzte, von dem ich auf Facebook erfuhr. Prince liegt bewegungsunfähig am Boden. Weite Teile seines kahl rasierten Rückens sind mit türkisfarbenem Wundspray bedeckt, sein linker Vorderlauf trägt einen großen Verband. Mein gerade wieder ein wenig leichter gewordenes Herz wird ganz schwer und ich halte den Atem an. Scharfer Schmerz schießt mir bei seinem Anblick ins Kreuz und in den Ellenbogen. In den großen Augen des Rüden scheint Verwunderung zu liegen. Prince schaut mich an, als wolle er fragen, was hier mit ihm geschieht. Zärtlich streicht Nancy über seinen Kopf und kniet sich zu ihm. Er lässt es geschehen. Von einem Auto angefahren, hat Prince einen doppelten Wirbel- und einen Ellenbogenbruch im Vorderlauf davongetragen. Einige Tierkliniken lehnten den Eingriff ab, bis sich schließlich eine mit einem orthopädisch versierten Spezialisten erbarmte. Doch ob der Hund je wieder wird laufen können, ist ungewiss. Wenn der Ellenbogen, in dem nun eine Schraube steckt, nicht heilt, wird Prince auch mit keinem Hunderolli, jenem zweirädrigen Gefährt, dass querschnittsgelähmten Hunden die Fortbewegung ermöglicht, mehr laufen können. Auf dem Hof ist intensivmedizinische Tierpflege eine große Herausforderung. Solche komplizierten Eingriffe würden in Deutschland wochenlang in einer Tierklinik betreut werden. Hier in Rumänien reichen sie für keine stationäre Aufnahme. Es ist kaum zu ertragen, Prince so geworfen und verletzt zu sehen. Ich spüre, wie ich einfriere, und ebenso bewegungsunfähig werde, wie er. Doch dafür ist keine Zeit. „Pack mal mit an!“, Nancy reißt mich aus meinen Gedanken. Und ich fasse mit an, fasse ihn an. Vorsichtig heben wir Prince, um die Mullunterlage zu wechseln, auf der er sich entleert hat. Nancy wäscht den Rüden sauber, macht ihn trocken. Dann hält sie ihm einige Scheiben Kochschinken vor die Nase – sein eigenes Futter hatte Prince nicht angerührt. Den Schinken nimmt er, frisst zaghaft aus ihrer Hand. „Endlich!“, haucht sie.

Während hier um jedes Leben gerungen wird, ist der Tod auf dem Hof allgegenwärtig. Nicht alle Tiere schaffen es. Es wird auch gestorben hier. In der Theorie ist das nachvollziehbar und einleuchtend, doch für Nancy und ihre Kolleginnen muss das die bitterste Pille ihrer Arbeit sein. Kranke hochträchtige Hündinnen werden aufgenommen, die ihre Welpen wider Erwarten lebend zur Welt bringen und dann sterben die Kleinen doch - manchmal auch die Muttertiere. Oder Schwerverletzte und kranke Tiere, deren Leben am seidenen Faden hängt. Oder solche, die sich hier auf dem Hof wider Erwarten stabilisieren und dann plötzlich ihr Leben aushauchen. Ein Tier, für das alles getan wurde, zu verlieren, ist schwer auszuhalten und stellt das unermüdliche Engagement der Aktivistinnen auf die Probe – vor allem Nancys. Leichter hinzunehmen ist es vermutlich, wenn Altersschwäche die Todesursache ist. Selbst, wenn ein Senior nur wenige Tage in der Sicherheit des Schutzhofs war, hat sein Dasein Sinn geahbt. Aus einem überflüssigen Niemandstier ist ein erwünschtes und geliebtes Tier geworden, das zumindest wenige Tage Fürsorge und Respekt erfahren hat.

Für Sofa-Aktivisten wie mich, jene Tierfreunde, die die Arbeit von Animal Hope & Liberty aus der Distanz verfolgen, wirft ein via Facebook kommunizierte Tod noch ganz andere Fragen auf. Wie konnte das Tier so plötzlich, denn so scheint es am Bildschirm, versterben? War das, was für das Tier getan wurde, ausreichend und richtig? Oder hätte gar noch mehr getan werden können? Aus der Ferne geben manche Follower auf Todesnachrichten Antworten ohne Fragen gestellt zu haben. Sie verurteilen die medizinische Behandlung der Tiere, obwohl sie nur ein einziges Bild auf Facebook gesehen und zwei Zeilen Text dazu kennen. Zuhause lese ich solche Kommentare mit großem Unbehagen. Den Tod eines Tieres öffentlich zu kommunizieren ist schlicht heikel für den Verein. Nicht zuletzt, weil am anderen Ende des Bildschirms Menschen sitzen, die ein Happyend wollen. Sie fühlen und fiebern mit, bangen um das Leben des Tieres, spenden Geld und senden heilende Gedanken. Elektronik ermöglicht Empathie und Fürsorge aus der Distanz.

Ich unterbreche mein Gedankenkarussell, das pausenlos um Prince kreist und fokussiere mich auf die Hündin, die wir nun besuchen. Auch sie wurde angefahren und lag reglos unter Schock am Straßenrand. Wie viele andere Hunde hier im Land, jagt Luna Autos und Mopeds. Nancy berichtet, das gehe mitunter jahrelang gut, ohne dass das Tier unter die Räder gerate, doch eben nicht immer. Diese Hündin habe Glück im Unglück, so Nancy, trage nur einen kleinen Kratzer über dem Auge davon und sei ansonsten unverletzt. Ich atme innerlich auf. Luna ist mittelgroß und bildschön. Ihr Fell ist beige-weiß und ihre Augen sind hell und sehr wachsam. Während Nancy sich langsam auf sie zu bewegt, legt Luna die Ohren an und bleckt entschlossen die Zähne. Sie mag nicht hier auf dem Hof sein und sie duldet keine menschliche Nähe. Dringend bräuchte sie einen Spot-On, um ihre Flöhe und Zecken loszuwerden, eine Wurmkur dazu, doch daran ist vorerst nicht zu denken. Fressen tut sie. „Immerhin“, raunt Nancy.

Der Regen macht eine kurze Atempause und wir rüsten uns mit Eimern, Schlauch und Schubkarre. In Gedanken bin ich noch immer bei Hope, Balou, Prince und den anderen, als bei unserem Auftauchen in der langen Zwingergasse der obligatorische Tsunami losbricht. „Die Welpen müssen noch gezählt werden!“, versucht Nancy mir durch das Getöse zu sagen. Gewöhnlich tut sie das als Erstes, wenn sie zum Hof kommt. Heute waren wegen des Starkregens alle Kleinen in den Welpenhäusern verschwunden. „Das wird dich aufmuntern, Astrid. Welpendusche!“ Nancy hat meine Gedanken gelesen. Die Sonne bricht durch die Wolken und jetzt tummeln sich dutzende Hundekinder an den Gittern. Sie versuchen uns regelrecht herbeizuwinseln. Noch nie habe ich so viele Welpen auf einmal gesehen – es sind entzückende Hundekinder – alle. Im Stillen bin ich froh, eine mit Welpen extrem unverträgliche Hündin Zuhause zu haben, sonst könnte ich vermutlich nicht ohne einen wieder abreisen, denn jeder einzelne ist ein Wonneproppen. Die Kleinen gebärden sich immer wilder, als wir eintreten. Schwarze, blonde, weiße, bunte; Schlappohren, Fledermausohren, kurze Beinchen, lange – alles ist dabei.

Aber so schnell lassen sich Siechtum und Tod heute nicht vertreiben. Von Weitem sehe ich unter dem Baum des Geheges nassen Pelz liegen. Nancy und auch ich wissen augenblicklich, dass das Bündel kein nasses Plüschtier ist. „Oh nein!“ Nancy stürmt los, müht sich, die auf sie zu schwappende Woge Welpen abzuwehren. Mit Pfiffen und Klatschen versuche ich die Aufmerksamkeit der Kleinen auf mich zu lenken und die ganze Meute macht kehrt, stürzt sich auf mich. In wilder Freunde springen sie an mir hoch, schnappen nach meinen Shorts, beißen gierig in meine Schuhe, schlecken meine Waden, während ich stumm und reglos ich zuschaue, wie Nancy den leblosen Welpen aufnimmt. Tränen kullern aus ihren Augen, sie drückt ihn an ihre Brust. „Wie zum Teufel kann er hier reingekommen sein? Er hat eine ausgeblutete Wunde an der Kehle!“, ruft sie mir zu und schwenkt ihren Blick zum angrenzenden Gehege, wo die jüngsten Welpen am Gitter fiepen. Ich kontrolliere mit zahllosen Hundekindern an den Füßen die Zaunfront: Alles dicht, kein einziger Stab defekt oder verbogen. Sie stehen dicht beieinander, der Welpe war definitiv zu groß, um durch das Gitter zu robben. Und doch hat er es irgendwie geschafft. Nancy murmelt etwas wie „begraben“ und verschwindet mit dem toten Welpen. Ohne jeglichen Erfolg versuche ich die kleinen Hunde abzuwehren und ihr zu folgen. Doch das Leben für diese Hundekinder geht weiter. Die Meute zerrt an mir, ist zu begeistert von meiner Anwesenheit, hat den Tod ihres Kumpels längst vergessen und will Toben. Ich ergebe mich, hocke mich zu ihnen, bade in kleinen Hundeleibern, bis Nancy wieder da ist. Schweigend reinigen wir die Welpengehege.

Zurück in der Zwingergasse werde ich den erwachsenen Hunden vorgestellt, jetzt sind die Großen dran. Das aufgeregte Gebell erfordert meine volle Konzentration und zwingt mich, den Gedanken an den toten Welpen loszulassen. Die meisten Hunde gebärden sich vor Freude, so sehr sogar, dass es Nancy kaum möglich ist, die Zwingerpforten zu öffnen. Wild springen sie uns an und einmal drin, werfen einige uns beinahe von den Füßen. Zu wenigen Hunden traue ich mich nicht hinein. Was diese von meinem Besuch halten, lese in ihren Gesichtern, höre es aus ihrem scharfen Gebell heraus. Ich schaue in alle Gesichter, suche nach vertrauten Zügen, nach jenen Hunden wie Leandro, Lotta, Samson und anderen, die ich im Internet auf Bildern sah. Auf die Begegnung mit einem Hund aber bin ich ganz besonders gespannt und hoffe, ihn heute noch kennen zu lernen: Old Gerald, jenem sehr alten und sehr großen Hünen, der vor wenigen Wochen aus einem Shelter gerettet wurde, wo er fast verhungerte. Als ich ihn auf Facebook das erste Mal sah, flog mein Herz sofort zu ihm hin. Kluge wolfsähnliche Augen in einem großen Bollerkopf und die Weisheit des Alters standen in seinem Gesicht geschrieben – so viel konnte ich am Bildschirm erkennen. Nun möchte ich wissen, ob all diese warmen Gefühle für diesen abgehalfterten Kerl elektronisch bedingte Projektionen gewesen sind. Doch leider übernimmt Nancy die hinteren Zwinger, wo auch Old Gerald lebt. Ich soll die vorderen reinigen. Einen Moment lang formiert sich Protest in meinem Geist. Ich will, nein, ich muss Old Gerald jetzt sofort kennenlernen! Ich schaue meinem kindlichen Verlangen zu und sage nichts. Eine ganze Woche habe ich hier vor mir. Meine erste Audienz beim Hofkönig von Giarmata kann warten, bis es soweit ist.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

 

 

 

 

 

Termine 2018:

 

 

Reise zum Schutzhof von AHL eV, Juni und August 2018

 

 

 

abgesagt: 04. September 2018 um 19:30

Lesung + Bildpräsentation

Erleuchtung für Zweifler

im Café Conrad's des GST Beweggrund e.V.

Karolinenstraße 21c

135 Berlin

 

 

 

 

 

 

Termine 2017:

06. Dezember 2017 19:30

Nikolauslesung im MOVE Oxfam Shop Berlin Charlottenburg

 

01. Dezember 2017 19:00

Lesung im Labsaal Lübars

Alt-Lübars 8

13469 Reinickendorf

 

30. November 2017 14:00

Interview + Buchverlosung

in der Sendung Leichter Leben

bei Astro TV

 

25. + 26. November 2017 

BuchBerlin, Berlin Neukölln

Lesung, Meet & Greet am Stand + Gewinnspiel

26.11. Lesung um 11:10 im Raum

Lesung von Sandy Seeber Quale um 12:40 in Raum 1

 

03. November 2017 19:30

Lesung bei Thalia Kaiserslautern

 

02. November 2017 18:00 

Lesung in der Stadtbücherei Neuwied

 

20.September 2017 19:30

Lesung Bücherhalle Eimsbüttel Hamburg

 

12. September 2017 um 19:00

Lesung im Rahmen der Debütlesereihe des Freien Deutschen Autorenverbands Berlin e.V.

Lettrétage Berlin

 

04. Juli 2017 19:30 

Lesung in der Stadtbücherei Neumünster

 

6. Juni 2017 20:00

Lesung bei Schropp Land & Karte Berlin

 

 

18.05.2017 20:00

Lesung in der Buchlounge Zehlendorf Berlin

 

29. April 2017 20:00 

Lesung in der Galerie Flair igo Ahlen

 

25. März 2017 16:30 
Lesung im Sachbuchforum

Leipziger Buchmesse

 Halle 3, Stand E201

 

24. März 2017  19:30

Lesung bei Optik Weiss

im Rahmen von Leipzig liest

 

24. März 2017  14:00 

Signierstunde Traveldiaryverlag

Leipziger Buchmesse Halle 3, F214

 

06.03.2017 17:00

Lesung im Kiezclub Gérard Philip Berlin

 

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© Astrid Müller, Berlin